Türkeireise 2013

Unsere Reise nach Afacan und Istanbul 28.08.- 08.09. 2013

Erfreulicherweise durfte auch in diesem Jahr eine Schülergruppe unserer Otto-Wels-Grundschule über die Stiftung „Umverteilen!“ zu einem Austausch mit gleichaltrigen Kindern einer türkischen Klasse in die Türkei reisen.
Da unsere Schüler hauptsächlich aus Familien mit Migrationshintergrund kommen, ist eine derartige Möglichkeit für diese Kinder sehr erfreulich, weil die Kinder auf diesem Wege eine enorme Aufwertung ihrer kulturellen Wurzeln und ihrer Herkunftssprache erleben können.
Yeni deneyim – „Neues erfahren“, so haben wir unser Projekt genannt. Die Reisegruppe bestand insgesamt aus 16 Kindern der 6. Klassenstufe sowie aus vier Pädagogen und Pädagoginnen, unter anderem unserer Schulleiterin Frau Steimer-Ruthenbeck. Zu unserem Glück war auch Herr Buyurucu dabei, der sämtliche auf Türkisch zu führenden Verhandlungen und Gespräche mit Bravour meisterte! Zur Vorbereitung der gemeinsamen Reise hatte man sich in der Schule mehrere Male getroffen, auch einen Elternabend stattfinden lassen und in diesem Rahmen den Film von der letzten Afacan-Reise gezeigt. Außerdem hatten wir das Pergamonmuseum mit dem berühmten Altar besucht, ein Besuch in Pergamon war Teil unseres Programms.
Schon lange vor dem Antritt der Reise waren Kontakte zu gleichaltrigen Kindern einer Schule in Istanbul geknüpft worden. Deshalb kannten die Kinder einander bereits durch das Chatten per Internet sowie durch Telefonate. Auch die beteiligten Familienangehörigen hatten von beiden Seiten aus den Kontakt zueinander aufgenommen.

So konnten bereits im Vorfeld gemeinsame Interessen, individuelle Vorlieben und Besonderheiten ausgetauscht und diskutiert werden. Die Familien der Istanbuler Partnerkinder hatten durchweg einen gut situierten Mittelschichtshintergrund, was unsere Kreuzberger Kinder doch neugierig machte: mindestens vier- bis fünfzimmrige Eigentumswohnungen meistens in Hochhäusern mit zum Teil mehr als einem Badezimmer waren keine Seltenheit.
Neben der Kontaktaufnahme zu den Gastkindern bzw. zu deren Familien wurde bereits im Vorfeld mit unseren Schülern über persönlichere Bereiche gesprochen wie zum Beispiel:

  • mögliche Ängste wegen der zeitweisen Trennung von der eigenen Familie,
  • Rücksichtnahme auf vielleicht unterschiedliche Gegebenheiten in den Gastfamilien („gutes Benehmen“),
  • kulturelles Miteinander sowie möglicherweise auch Unterschiede in diesem Bereich.

Kurz vor dem geplanten Abreisetermin stieg die Aufregung der Kinder noch sehr viel mehr. Es wurden Äußerungen laut wie zum Beispiel „Wird das Flugzeug mit uns auch nicht abstürzen?“ oder :“Werde ich die große Hitze dort vertragen können?“ , „Werde ich es aushalten, so lange von meiner Mama getrennt zu sein?“, und: „Mir ist bange vor dieser ganz fremden Familie! Werde ich immer alles aufessen müssen?“ ; aber auch: „Wieviel Taschengeld werde ich für`s Klamottenkaufen zur Verfügung haben?“.

1. Tag

Die Abreise gestaltete sich dann sehr angenehm: Mehrere Eltern transportierten das Gepäck und auch einen Großteil der Kinder, so dass wir Lehrer mit nur einer kleinen Schülergruppe per U-Bahn und Bus bis zum Flughafen fahren brauchten. Keine Trennungsdramen beim Abflug – alle Beteiligten waren in freudiger Erwartung. Die Maschine stürzte erfreulicherweise dann doch nicht ab, und unser Flug verlief wirklich sehr angenehm. Es war sehr aufregend für uns, in Izmir anzukommen! Bei weitem nicht alle unserer türkischstämmigen Schülerinnen und Schüler waren bereits vorher schon einmal in der Türkei gewesen.
Ebenso schön und abwechslungsreich gestaltete sich unsere Weiterreise im Bus. Hier zeigte sich allerdings bereits schon bald, dass lange Busfahrten für manch ein Kind doch nicht so bekömmlich sind!
Wir wurden in der interkulturellen Begegnungsstätte Afacan von Filiz Sabahgil sehr liebevoll und freundschaftlich empfangen. Man kannte sich schon durch einen vorhergehenden Besuch von Filiz in unserer Schule in Berlin.
Sie führte uns durch das gesamte Gelände und machte dabei immer wieder eindeutige Ansagen, was den Aufenthalt in Afacan betrifft. Dies alles wurde von unseren Kindern bereitwillig aufgenommen, da jedem auf diese Weise deutlich wurde, was wichtig zu sein hat bei unserem Miteinander dort. Die gesamte Anlage ist ein wunderschönes, sehr gut gepflegtes Gelände. Ãœberall spürt man viel Liebe zum Detail. Es war wunderschön für uns, so etwas Schönes erleben zu dürfen! Nach der Unterweisung durch Filiz durften wir uns in den Zimmern einrichten und später zum ersten Mal eine „Pool – Zeit“ erleben. Das Gelände hat nämlich nicht nur ein traumhaft schönes Strandgebiet, sondern es gibt dort auch ein perfekt gepflegtes Schwimmbecken. Wir waren begeistert! Abends probierten wir dann zum ersten Mal das leckere, wohlschmeckende Essen. Schnell wurde uns auch deutlich, dass das gesamte Personal in Afacan äußerst freundlich, geduldig und dabei sehr professionell ist! Nur dem Wachhund begegneten die meisten Kinder lieber mit einigem Abstand.

2. Tag

Nach dem Frühstück am nächsten Tag erkundeten die Kinder erst einmal das umliegende Gelände. Man durfte auch eigenständig das Kunst-Atelier besuchen oder in einer zum Meer hin offenen Halle Tischtennis spielen oder kickern oder sich auf dem Basketball-Platz sportlich betätigen. Der gesamte Tag bestand aus Entspannung und dem Festigen der Gruppenzusammengehörigkeit. Es gab auch wieder ein köstliches Mittagessen! Am Nachmittag gingen wir dann gemeinsam ins Dorf und zu dem Kiosk dort. Während des ganzen Hinweges wurden wir oft sehr freundlich von Dorfbewohnern begrüßt. Ein älteres Ehepaar fragte unsere Kinder näher nach unserer Herkunft aus . Es lud uns für den folgenden Tag zu einem Gedenkmarsch durch das Dorf anlässlich eines nationalen Feiertages ein und beschenkte uns noch zum Abschied mit Bonbons. Es war erstaunlich, wie freundlich die Menschen dort alle Anteil nahmen! Abends , nach Einbruch der Dunkelheit, gab es Kino unter Palmen, Herr Stolz zeigte den Film „Großstadtkrokodile“.

Kontakt mit der Schule aus Istanbul

Kontakt mit der Schule aus Istanbul

3. Tag

Am folgenden Tag kam dann endlich unsere Istanbuler Partnergruppe angereist. Diese Kinder waren die ganze Nacht hindurch in einem Bus gefahren und fühlten sich ganz bestimmt erschöpft, jedoch freuten sich alle sehr deutlich auf die Begegnung mit uns. Wir hatten schon sehr lange mit dem Frühstück auf sie gewartet und waren inzwischen sehr hungrig. Das Treffen verlief dann auch sehr herzlich und kompakt, weil beide Seiten sich schon auf das gemeinsame Frühstück freuten. Danach gab`s „Pooltime“!

Man wohnte nicht gemeinsam in einem Haus, sondern in separaten Häusern ein Stück voneinander entfernt. Das schien für die Gruppendynamik günstig zu sein, denn man hatte auf diese Weise die Möglichkeit, sich erst einmal in Ruhe zu lassen und einander danach langsam zu „beschnuppern“.
Die Mahlzeiten wurden stets gemeinsam eingenommen. Afacan ist ja kein Hotelbetrieb, Kinder aus beiden Gruppen mussten täglich einen Tischabräumdienst organisieren, was unterschiedlich gut klappte.

Wir unternahmen jedoch nicht alles gemeinsam: Am ersten Abend gingen die Istanbuler Lehrer spontan mit ihren Schülern tatsächlich ins Dorf zu diesem bereits genannten Gedenkmarsch, während wir Berliner Lehrer noch untereinander Bedenken austauschten wegen der bereits einsetzenden Dunkelheit in einer für unsere Schüler fremden Umgebung und auch deshalb, weil wir die uns von den alten Leuten berichtete „nationale Begeisterung“ anlässlich des Festtages nicht ganz teilen konnten. Hinterher ärgerten wir uns ein bisschen darüber, dass die Istanbuler Lehrer sich vorher nicht besser mit uns „kurzgeschlossen“ hatten.

4.Tag

Am darauf folgenden Tag führten wir diverse gemeinsame Kennlernspiele durch, zum Beispiel ein Berlin-Istanbul-Bingo. Bei Spielen wie „strenger Lehrer“ oder auch „Zuzwinkern.“, dem Lieblingsspiel der Kinder wurde viel gelacht. Weiterhin wurde tagelang gemeinsam an einem „Plakat der Vielfalt“ gearbeitet. Ein wichtiger Bestandteil unseres Aufenthaltes in Afacan war immer auch das tägliche Tagebuch-Schreiben. Es sollte helfen, das Erlebte zu vertiefen und in der Erinnerung besser zu verankern.
Einmal handelte sich einer unserer Schüler handelte sich Ärger ein beim Hausmeister, da er wiederholt den Rasensprenger als sein Spielzeug benutzte. Das ließ dieser verständlicherweise nicht zu! In der Freizeit durften die Kinder auch in kleinen Gruppen ins Dorf gehen. Dort gab es aber kein einziges Geschäft, sondern nur einen kleinen Kiosk. Herr Stolz besorgte dort die Preise für verschiedene Spiele und erzählte einmal lachend von einem seiner Erlebnisse : Er sei an einem Haus vorbei gekommen, und dort habe eine alte türkische Frau unter einem Feigenbaum auf einer Bank gesessen und der lauten Stimme aus dem Radio gelauscht, die auf Deutsch schön schmalzig schmetterte: „Dein ist mein ganzes Herz……!“ Wahrscheinlich war das eine Frau – so vermutete er – die früher für eine lange Zeit in Deutschland gelebt hatte. Ein schönes Bild!

5. Tag

An unserem fünften Tag in Afacan hatten wir endlich gemeinsam das „Plakat der Vielfalt“ fertig gestellt, und wir hängten noch eine „Afacan-Ralley“ dran. Dann war wieder die beliebte „Pool-Time“!!! Die Kinder liebten es, gemeinsam im Wasser zu toben oder um die Wette zu tauchen.

6. Tag

Zu Besuch in der Vergangenheit

Zu Besuch in der Vergangenheit

Am Abend bereitete man sich auf unseren ersten gemeinsamen Busausflug vor: Die Reise nach Pergamon/Bergama, mit einem kleinen Animationsfilm wurde gezeigt, wie es in Pergamon vor 2000 Jahren aussah.

Pergamon war der vor etwa 2000 Jahren eine der bedeutendsten Städte der damaligen Welt. Dort stand damals der Pergamon-Altar , der vom Eisenbahningenieur Carl Human nach Berlin gebracht wurde. In Pergamon gab es damals auch schon eine riesige Bibliothek, in der unzählige Bücher mit Seiten aus Pergament (=Ziegenhaut) gesammelt waren und auch gelesen wurden. In diesen Büchern war das gesamte Wissen der damaligen Welt gespeichert! Und: Wer damals so viele Bücher besaß, der hatte „die Macht“! Um zur ziemlich hoch gelegenen Akropolis hinauf zu kommen, mussten wir in einer Seilbahn fahren. Oben konnte man nach der Besichtigung noch Souvenirs kaufen und einen leckeren frisch gepressten Granatapfelsaft probieren Das war für alle Beteiligten ein sehr spannender Ausflug! Nach unserer Rückkehr durften die Kinder zum ersten Mal im Meer baden, was sie sehr genossen. Abends gab es dann wieder Gruppenspiele.

7. Tag

Am Dienstag, dem siebenten Tag, gab es natürlich wieder Baden satt. Inhaltlich stand zum Beispiel „Ein typischer Tag“ auf dem Programm. Bei dieser Einheit mussten die Berliner Kinder Mutmaßungen anstellen, wie wohl der ganz normale Tagesablauf eines Istanbuler Schülers aussieht, während die Istanbuler sich über einen Berliner Tagesablauf Gedanken notieren sollten. Man staunte mitunter dann doch über die Unterschiede! Bei der Übung „Maschinen darstellen“, stellten jeweils vier oder fünf Kinder nur mit ihren Körpern als Hilfsmittel gemeinsam eine arbeitende Maschine dar. Ein sehr schönes Spiel! Nach der obligatorischen „Pool-Time“ hieß es dann „Koffer packen“. Und nach dem Abendessen gab es eine Party….!

8. Tag

Am achten Tag fand unsere Reise nach Istanbul statt. Wir freuten uns schon auf das Kommende, wollten aber auch wieder nicht so gern Abschied nehmen von diesem sehr schönen Fleckchen Erde!
Es war uns richtig gut gegangen in Afacan, und wir bedankten uns sehr herzlich bei Filiz und ihrer Crew. Berliner und Istanbuler Kinder waren durch diese gemeinsame Zeit einander sehr vertraut geworden. Wir hatten mindestens acht Stunden Busfahrt vor uns! Am Ende unserer Reise würden wir auf die Eltern unserer neuen Freunde treffen. Es war wirklich eine anstrengende Fahrt. Manch ein Kind vertrug das ständige Schaukeln im Bus nicht…. Spät am Nachmittag hatten wir es dann fast geschafft! Wir mussten noch einmal in einen anderen Bus umsteigen, der und direkt zur Istanbuler Schule brachte. Viele von uns hatten nicht gewusst, wie riesig die Fläche von Istanbul ist, wie wild dort ständig (!) an sehr, sehr vielen Hochhäusern gebaut wird und wie menschenreich dieses ganze Gebiet jederzeit ist! Jetzt wussten wir es. Es war gigantisch!
Ohne eine einzige Ausnahme waren alle Eltern der Istanbuler Kinder sehr symphatisch! Sie hießen uns herzlich willkommen. Rucki-zucki wurden unsere Berliner Kinder in schicken Autos abgeholt und begleiteten ihre neuen Istanbuler Freunde in ihr Zuhause. Wir Lehrer saßen noch für ein Weilchen an einer Imbißstube bei einem Kaffee zusammen und plauderten über das gemeinsam Erlebte und das noch Kommende. Dann brachte uns netterweise Esin, die sehr sympathische Konrektorin der Istanbuler Schule, in ihrem Auto zum „Haus des Lehrers“, unserer Herberge.
Abends trafen wir uns dann noch einmal mit Esin und gingen mit ihr gemeinsam essen. Netterweise lud sie uns ein. Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich, dass es in der Türkei als nicht ganz so fein gilt, wenn mehrere Leute miteinander ausgehen und jeder dabei für sich selbst bezahlt. Das wird dann etwas belustigt als „deutsch bezahlen“ bezeichnet. Wieder was dazu gelernt!! Unser Hotel war ein Abenteuer-Hotel: Viele Dinge funktionierten nicht! Das war zum Teil auch sogar schon wieder witzig.

9. Tag

Am nächsten Tag unserer Reise trafen wir uns wieder und unternahmen gemeinsam einen Busausflug nach Miniatürk“, wo man in Miniaturform alle wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Türkei nachgebaut finden und bestaunen kann. Auf dem Hinweg: Extremstau! Rückweg: Ebenso!!
Unsere Kinder und wir konnten während ihres Aufenthaltes in Istanbul leider nicht am Unterricht teilnehmen, weil man gerade Ferien hatte. Schade! Aber es war auch so sehr schön! Alle Kinder äußerten sich begeistert über ihre Gastfamilien.
Abends waren wir Berliner Lehrer bei Esins Familie zum Essen eingeladen. Ich war sehr gespannt und erfreut! Esin, ihre Mutter und die gerade zu Besuch weilende Großmutter hatten sehr liebevoll für uns ein köstliches Essen gezaubert und hießen uns herzlich willkommen. Es war ein sehr schöner Abend für uns!

Eine Seefahrt, die ist lustig ...

Eine Seefahrt, die ist lustig …

10. Tag

Tags darauf wir nur mit unseren Berliner Kindern nach Sultanahmet. Wir sahen die Blaue Moschee, die Haghia Sofia und waren im Topkapı-Palast. Danach kam noch etwas sehr viel Spannenderes: die Besichtigung eines uralten unterirdischen Wasserspeichers. Das war gruselig und schön! Abends wurden wir Lehrer von den zwei Istanbuler Kolleginnen zum Essen ausgeführt in sehr interessant gestaltetes Gartenlokal. Ich fand es sehr schön, das sich die Istanbuler Kollegen so viel Zeit für uns genommen hatten.

11.Tag

Am Samstag, dem vorletzten Tag unserer Reise, teilten wir uns auf und besuchten unsere Kinder in ihren Gastfamilien zu Hause. Das war wieder sehr interessant. Wir wurden überall äußerst freundlich empfangen und bewirtet. An diesem Nachmittag und am Abend hatten wir Lehrkräfte frei, weil die Gastfamilien in dieser Zeit selbst etwas zusammen mit unseren und ihren eigenen Kindern unternommen haben. So kam ich noch dazu, etwas mehr vom Zentrum der Stadt kennenzulernen. Das habe ich sehr genossen! Als ziemlich bedrohlich empfanden wir aber das starke Polizeiaufgebot überall in der Nähe des legendären Taksim-Platzes . hoch über den Dächern Istanbuls in einem kleinen, gemütlichen Dachrestaurant konnten wir die untergehende Sonne bewundern und gemütlich zu Abend zu essen.

Am 8. September hieß es : Abschied nehmen! Uns wurde sehr herzlich hinterher gewinkt. Natürlich freuten unsere Kinder sich wieder auf ihre eigenen Angehörigen. Dennoch ist eine solche Reise auf jeden Fall eine sehr große Bereicherung für das ganze weitere Leben! Dessen bin ich mir sehr sicher! Und: Vielen herzlichen Dank noch einmal an die Stiftung Umverteilen!

Irmgard Thiemann, Otto-Wels-Grundschule
Güle, güle